Gernsheimer Hochseekameradschaft e.V.

Rund um die Segelyacht Moby Dick III.

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Mit der Moby Dick III einmal um die Kanalinseln

bezeichnung:
Mit der Moby Dick III einmal um die Kanalinseln
fahrtgebiet:
westlicher Englischer Kanal
törnstart:
2014-05-24
törnende:
2014-06-07
hafenstart:
Cherbourg
hafenende:
Cherbourg
skipper:
Lutz Schneller
autor:
Markus Veit

Vorwort

Was ist eigentlich so faszinierend am Segeln? Ist es das Entdecken, das Abenteuer, die Gemeinschaft, die Natur, die Technik, das Fremde, das Kennenlernen von Menschen oder das Erleben von Kultur und Geschichte?

Wahrscheinlich von allem etwas, aber bestimmt noch vieles mehr!

Die Moby Dick III ist schon seit mehreren Wochen wieder auf Tour. Mit der Talfahrt von Gernsheim nach Lemmer (Niederlande), ging es über die Ijssel durchs Ijsselmeer und für ein paar Tage über den Ärmelkanal nach London, bevor ihr Weg sie an die normannische Küste führte.

Im nachfolgenden Bericht wird nun vom maritimen Alltag einer Reise von Cherbourg (Normandie) nach Alderney, Guernsey, Jersey (Kanalinseln) und nach St. Malo (Bretagne), berichtet.

Freitag 23.5.2014 (Darmstadt) - Samstag 24.5.2014 (Cherbourg) Für die 900 km Anreise und die Crew aus dem Raum Lorsch/Darmstadt, ist ein Kleinbus unser Transportmittel in die Normandie. So verlassen wir mit guter Stimmung pünktlich um 20:00 das Rhein-Neckargebiet. In der regnerischen Nacht geht es von Zahlstation zu Zahlstation durch Frankreich. Die letzten 50 km im Departement Basse-Normandie fahren wir einsam auf der einzigen Schnellstrasse, der Halbinsel Cotentin. Hinweisschilder im Morgenlicht erinnern an die bewegte Vergangenheit vor 70 Jahren. In zwei Wochen, am 6. Juni 2014 ist D-Day. Die Landschaft und die vorbeiziehende Städte wie Caen, St. Lo, Carentan, waren stark umkämpfte Gebiete während der Invasion und Drehorte für den Film “Der längste Tag“.

Mit noch mehr Regen begrüßt uns Cherbourg. Die Stimmung in der menschenleeren Hafenstadt ist um 7:00 eher bedrückend. Marina und Moby sind schnell gefunden und die Vorcrew frühstückt noch. Wir nutzen aus diesem Grund die Zeit um Proviant einzukaufen und zum Tanken.

Es ist 10:30 und die Vorcrew macht sich auf den Rückweg, wir hingegen richten uns maritim ein bzw. erledigen die Routine mit Hafengebühr, Wetter, Bootcheck, kleine Reparaturen und Proviant verstauen. Am Abend sieht die Welt dann doch ganz anders aus und wir geniessen mit heimischen Spargel und etwas Sonnenschein das Hafenpanorama.

Sonntag 25.5.2014 (Cherbourg - Braye) Der Tag könnte mit Sonne und strahlend blauem Himmel, nicht besser beginnen. Vor dem ersten Hochwasser in Cherbourg werden noch die letzten Vorbereitungen getroffen. Als Wellenbrecher vor dem Hafen liegt eine sehr schmale und sehr lange Insel, mit drei Festungen. Hinter der westlichen Festung setzen wir Segel und erleben bei halbem Wind entspannt die Nordküste der Halbinsel Cotentin. Ein herrliches Küstenpanorama, was nur durch die weit hin sichtbare Wiederaufbereitungsanlage „Le Hague“ gestört wird. Mit einer Geschwindigkeit von ca. 11 Knoten über Grund, segeln wir durch den Alderney Race zur gleichnamigen Insel. Die kleine Kanalinsel ist stets in Sichtweite und je näher wir kommen, desto mehr Details werden von der grünen Insel sichtbar. Vorm Hafen „Braye“ werden die Segel geborgen und wir kündigen uns per Funk beim Hafenmeister an. Uns wird im Bojenfeld eine gelbe Tonne zugeweisen. Geschützt hinter der großen grauen Wand haben wir einen schönen Blick auf die Bucht. Etliche Bunkeranlagen und Geschützstellungen aus vergangenen Tagen, dokumentieren den strategischen Nutzen der Insel. In der warmen Sonne sitzen wir am Nachmittag an Deck und betrachten das abwechslungsreiche Hafenkino, bis sie untergeht. Der „Harbourmaster „ kommt zwischenzeitlich mit seinem Motorboot längseits und kassiert. Da wir die Außengrenze der EU mit Alderney verlassen haben, füllen wir den „Report of Arrival“ der Region Bailiwick of Guernsey aus und werfen das Formular beim Landgang in den gelben Briefkasten, am Ende der Landungsbrücke im Hafen.

Unumgängliches Übel auf unserer Reise wird der ständige Wechsel zwischen den Zeiten sein, ob Greenwich, mitteleuropäisch Winterzeit, mitteleuropäische Sommerzeit oder Britisch Sommer Time, sein. Es ist ein ewiges hin und her. Eine Zeitangabe vom Skipper entwickelt sich daher zwangsläufig zum Runnig Gag, da einer aus der Crew prompt mit der Gegenfrage antwortet: Welche?

Montag 26.5.2014 (Braye) Für Alderney ist heute der 1. Hafentag eingeplant. Die Crew bekommt Gelegenheit die Insel auf eigne Faust zu Fuß zu erkunden und das 2 km entfernte Dorf (St. Anne) kennen zulernen. Es regnet bzw. nieselt ein wenig und die Wolken hängen sehr tief. Nicht gerade der herzlichste Empfang für unseren Ausflug. Wir fordern ein Wassertaxi per Funk an, was wir auf der Rücktour bezahlen können. Mit hoch gestelltem Kragen geniessen wir die graue Hafenrundfahrt durch das leere Bojenfeld, zur Landungsbrücke.

Unsere 5 köpfige Gruppe folgt im Hafen zunächst dem Schild „Town“ bevor es hinter dem kleinen Inselbahnhof bergauf geht. 2500 Einwohner soll die Insel haben und als Besonderheit steht im Reiseführer, dass die Autofahrer in Alderney eigentlich nur mit einer Hand fahren, da sie mit der zweiten Hand stets andere grüßen. Naja, fremde Autofahrer wird es auch hier nicht viele geben, aber bestätigen können die Geschichte mit der einen Hand auf jeden Fall. Auf unserer weiteren Tour zum Inselmittelpunkt müssen wir uns erst mal an den Linksverkehr gewöhnen, d.h. erst rechter dann linker Schulterblick. Am Anfang der Hauptgeschäftstraße abgekommen, steuern wir erst mal das Bistro an in dem wir „Alderney Cream Tea“ probieren. Ein kleines Gedeck aus Scons, Cream, Marmelade und einem Pott Tea. Diese englische Köstlichkeit ist sehr lecker und kommt auf die Liste der Empfehlungen.

Wir folgen unserem Instinkt, der langen Kopfsteinstraße, die uns direkt zur nächsten Empfehlung unserer Inselchallenge führt. „Marais Hall“, das älteste Pub am Platze. Im fanzösischen Baustil errichtet, steht es an einer alten Viehtränke und hebt sich von der niederen englischen Natursteinbauweise deutlich ab. Neben dem Alter ist die skurille Dekoration nennenswert sowie der Deutscher Inhaber. Letzter Halt vor der kurzen Überfahrt zur Moby Dick, ist „The Divers“. Die Inneneinrichtung des Hafenpubs besteht aus Taucherzubehör jeglicher Art wie Bilder, Taucheranzug, Zeitungsartikeln und Zeichnungen. Im Hinteren Bereich geht es mit Blick auf die Bucht von Braye, zur großen Veranda. Es ist späten Nachmittag und das Lokal füllt sich langsam mit einarmigen Einheimischen. Jeder kennt hier jeden und wir dürfen für ein Pint, Gast sein. Wer in netter Atmosphäre ein Lager trinken möchte, ist hier goldrichtig. The Divers kommt unbedingt auf die Liste. Bei schönem Wetter hat Alderney natürlich auch noch eine reichhaltige unberührte Flora und Fauna sowie zahlreiche Festungen für eine Besichtigung anzubieten.

Dienstag 27.5.2014 (Braye - St. Peter Port) Der Tag beginnt schon wieder trüb und bedeckt. Um die Mittagszeit kippt der Strom und wir verabschieden uns von Alderney. Der Wind kommt leider aus der falschen Richtung und so motoren wir die 29 Seemeilen nach St. Peter Port, auf Guernsey.

Beim Passieren der Enge „Little Roussel“ sehen wir südlich mit Sark und Herm, weitere Inseln der Region Bailiwick of Guernsey.

Hinter dem alten Geschützturm „Brehon“ fahren wir mit einem Regattafeld in den Hafen ein und erleben beim Anlegen, wie ein Teilnehmer unter Vollzeug in den Hafen segelt. Ein Fall von genialem Wahnsinn, der beeindruckt und gleichzeitig zum Nachdenken anregt. Hinter der grünen Tonne liegen wir am Schwimmsteg direkt vor Cornet Castle, im tiefen Wasser. Der Ponton befindet sich mitten im Hafen wodurch wir das Dingi klar machen, um an Land zu gelangen. Dann ein lauter langer Signalton: „A c h t u n g“. Eine der Schnell-fähren, wie aus einem James Bond Film, wendet direkt an unserem Heck. Der Doppelrümpfer in Pfeilform bewegt sich mit über 30 Knoten durchs Wasser.

Mittwoch 28.5.2014 (St. Peter Port) Nach dem Frühstück, ein Schreck, eine Kammer unseres Dingi hat seine Luft verloren und so dichten wir erst einmal unser Beiboot mit einem übergroßen Fahrradflicken ab. Der Plan für heute ist eine Inselrundfahrt mit der Buslinie 91. Vom nahe gelegenen Busbahnhof geht es um 13:40 zuerst in Richtung Norden und dann weiter auf der Westseite, in der Bay L´ Eree. Dort steigen wir für eine Stunde aus, um Natur und die bizarre Küste auf uns wirken zu lassen. Trotz, daß es sich um eine englische Insel handelt, begegnen uns viele französische Begriffe im Straßenbild, auch die Landschaft hat eine starke bretonische Note. Auf der Rücktour zum Busbahnhof steigen wir in den voll besetzt Bus. Nächster Stopp ist das neue Flughafenterminal. Auf dieser Seite der Insel fallen uns einige leere Gewächshäuser auf. Vermutlich lohnt sich der Anbau von Gemüse oder Blumen nicht mehr. In Guernsey und Jersey lässt sich heute mit Banken und Büros leichter Geld verdienen. So verwundert es nicht, dass die kleine Fußgängerzone der Steueroase von St. Peter Port mit der Freßgasse in Frankfurt mithalten kann. Geschäftsleute, Bänker und Sekretärinnen in den zahlreichen schicken Restaurants, prägen die Szene.

Mal ein paar allgemeine Worte zu den Kanalinseln. Jede ist für sich souverän doch existiert die regionalen Zusammenschlüsse Bailiwick of Guernsey und Bailiwick of Jersey. Sie sind nicht Mitglied der EU, werden aber außenpolitisch und militärisch von Grossbritannien vertreten, führen den Sonderstatus „Kronbesitz“, drucken ihre eigene Währung bzw. Briefmarken und haben ihre eigene Gerichtsbarkeit. Die Telefonkarten sind auf jeder Insel unterschiedlich. Die romantische Insel Herm z.B. wurde von einem Privatmann vor gut 60 Jahre gepachtet. Dafür unterhält und bewirtschaftet er sein kleines Inselreich. Der Aufgabe des Inselpfarrers der 100 Einwohner kleinen Gemeinde ist inklusive und so liest er jeden Sonntags in der kleinen Inselkapelle die Messe. Linksverkehr herrscht natürlich auf allen Inseln, sofern Autoverkehr existiert und es gilt die englische Zeit.

Donnerstag 29.5.2014 (St. Peter Port - St. Helier) Der Morgen ist schon wieder einmal ungemütlich. Es regnet, die Wolken hängen tief und wir sehen kaum die vorgelagerte Insel Herm. Ein Kreuzfahrtschiff liegt auf Rede. Orangene Rettungsboote pendeln vom Schiff zum Hafen, um die Gäste an Land zu bringen. In der Innenstadt fallen die Kreuzfahrttouristen sichtlich auf. Um 12:00 laufen wir mit der Flut nach Jersey. Durch den seitlich setzenden Strom, müssen wir stets vorhalten. Wer hier auf Sicht navigiert, wird sein Ziel nicht erreichen. Auf halber Strecke der Überfahrt nach Jersey, kündigt sich unsere Schnellfähre durch ein ungewöhnliches brummen und einer auffälligen achterlichen Wasserfontaine, an.

Am Wegepunkt 49 ° 21,653 ´ N 002° 27,712´ W übergeben wir eine Flaschenpost, der Verantwortung des englischen Kanals. Am Rande des atlantischen Ozeans ist auf Grund der Strömungen zu vermuten, dass die Reise in der Karibik oder auch in Amerika, endet …… falls sie alles gut übersteht. Der Flascheninhalt besteht diesmal aus einem Schreiben über unsere Reise, Glitzerperlen und einem englischen Reiseführer aus Darmstadt. Sie ist mittlerweile die 5 ihrer Art, mit unbestimmtem Ziel. „Bon voyage, bouteille a la mer“ Durch die wechselhafte Geschichte, aber auch durch die Eigenständigkeit der Inseln Jersey und Guernsey, hat hier eine lokale Sprachvariante der Normandie, das „Patois“ am längsten überlebt. Der spezielle Dialekt galt viele Jahre als unkultiviert und „bäuerisch“. Bei einem Pubbesuch auf Guernsey haben wir ein Bier dieser bäuerlichen Sprache probiert und wir fanden es nach mehreren Runden alles andere als, unkultiviert.

Vorm Hafen St. Helier melden wir uns schon frühzeitig per Telefon beim Hafenmeister. Wieder befindet sich ein französisches Regattafeld im Hafen. Unzählige Yachten tummeln sich daher im Hafenbecken und warten auf die Beiboote, die eine nach der anderen in den hinteren Teil der St. Helier Marina bugsieren. Wir hoffen nur, daß wir mit unseren 2,3 Meter Tiefgang und unseren 18,60 Meter Länge, einen Platz bekommen. Über ein Plan B möchten wir erst gar nicht nachdenken. Schließlich kommt ein netter junger Mann mit der frohen Nachricht. In der Marina liegen wir hinter der Einfahrt, unterhalb der digitalen Anzeige im Paket. Der 8,6 m große Tidenhub ist beeindruckend, sowie die Geschwindigkeit mit der das Wasser hier fällt oder steigt. Wir haben Springzeit, also ein ausgeprägte Hoch- bzw. Niedrigwasser. Um die Mittagszeit werden dann auch die zwei kleinen Klappen an der Einfahrt sichtbar, die das Wasser im Hafenbecken zurückhalten. Unsere digitale Tiefenmessers zeigt noch gut 2 m Wasser unterm Kiel der Moby Dick an.

Freitag 30.5.2014 (St. Helier) Da uns die Sonne die letzten Tage nicht so sehr verwöhnt hat, strahlt sie sich heute umso mehr. Unser Bootsnachbar verabschiedet sich um 11:00 von uns und wir verholen an den Steg. Der Tag vergeht recht geruhsam mit Einkaufen, einer kleinen Stadtbesichtigung und einem Treppeaufstieg, auf das höhergelegene Fort Regent. Oberhalb der Hafenanlage hat man einen beeindruckenden Ausblick auf die Bucht. Das Fort wird heute als Fittness-, Sport-, Kultur- und Spaßtempel genutzt. Bilder beim Rundgang erzählen im überdachten Innenhof die Entstehungsgeschichte.

Samstag 31.5.2014 (St. Helier - St. Malo) Mit ca. 35 Seemeilen wird der Sprung an die bretonische Küste heute vergleichsweise länger dauern, als die Tage zuvor. Die Sonne ist wieder da und bei strahlend blauem Himmel haben wir eine wunderbare Sicht auf die Südwestküste von Jersey. Weiter westlich ist schon der weiße Leuchturm von Pont Corbiere zu sehen. Wir aber nehmen vor dem Wind Kurs auf das südliche „Plateu des Minquiers“, ein Felsenmeer mitten im Wasser.

Weit vor der Einfahrt St. Malo bergen wir die weissen Tücher und mit dem Diesel geht es durch die Untiefen. Die vor uns liegende Küste wird durch die tiefstehende Sonne angestrahlt. St. Malo, durch seine lange Festungsmauer weithin sichtbar, wirkt sehr wehrhaft. Auf der Steuerbordseite stehen imposant herrschaftliche Villen an der felsigen Küste. Nach der Schleuse erreichen wir das „Bassin Vauban“, ein riesiges Schwimmbecken mit Zugang zu weiteren Bassins. Am Kai vor der Festungsmauer finden wir einen perfekten Liegeplatz mit Panoramablick auf die massive Stadtmauer. Ein privates Feuerwerk vom naheliegendem Sandstrand beendet nach dem Essen, feierlich unseren Segeltag.

Sonntag 1.6.2014 (St. Malo) Der Tag besteht aus Sonne pur. Die Mannschaft erkundet gutgelaunt die alte Korsarenstadt. Sie war zu 80% zerstört und so verwundert es nicht, wenn die mehrstöckigen Gebäude sehr einheitlich und überdimensioniert aussehen. Besonders hervorheben muss man in St. Malo die beeindruckende und begehbare Ringmauer, die Sandstrände, die „Mole des Noires“, die vorgelagerten Inseln „Petit & Grande Be“, das Meerwasser-schwimmbecken „Piscine de Bon Secours“ sowie die vier großen Stadttore. In der Innenstadt findet man die üblichen Touristengeschäfte die, die regionale Besonderheiten der Bretagne anbieten. Austern, Moule Frite, Crepe oder auch Galette sollte man unbedingt bei einem Chablis oder einer Tasse Cafe, in einer der stillvollen Cafes oder Restaurants, probieren. Am Vormittag hat hinter der Moby der Kreuzfahrer „Ocean Majesty“ festgemacht, der bis zu 500 Personen aufnehmen kann. Am Abend verlässt uns die Ocean wieder über die Schleuse, mit Zielhafen St. Peter Port.

Montag 2.6.2014 (St. Malo - St. Helier) Mit St. Malo haben wir den Wendepunkt unseres Törns erreicht. Ab hier geht es zurück nach Cherbourg. So nehmen wir bei bedecktem Himmel Abschied und nehmen Kurs auf St. Helier. Die Stimmung an Bord ist wieder prächtig und Kochkünste unserer zwei Küchenchefs auch. Mit der Hafenschleuse werden wir um 10:39 auf Meeresniveau gehoben, um dann mit nur einer Windstärke die 40 Seemeilen gegen an, zu motoren. Im Innenhafen von St. Helier machen wir an der stillgelegten Tankstelle fest und warten bis die digitale Anzeige 2,4 Meter über dem Süll anzeigt. Der Süll ist eine Schwelle am Hafeneingang der das Wasser zurückhält und so ein Mindestniveau hält. Bei Flut wird der Süll überflutet. Eine Messlatte oder eine Anzeige gibt den Wasserstand über der Schwelle an. Hinter der Hafeneinfahrt machen wir, bei einsetzendem Nieselregen, wieder an alter Stelle fest und werfen die Kombüse an.

Dienstag 3.6.2014 (St. Helier - St. Peter Port) Der Wind bläst mit 4 Windstärken aus Westen, der Himmel ist bedeckt aber es ist trocken. Gute Bedingungen für uns, um nach St. Peter Port zu segeln. So verlassen wir den Hafen und motoren entlang der Südküste auf den weissen Leuchtturm „Point Corbiere“ zu. Ab dann wird der Kurs gesetzt und es geht mit Rollgenua und Besan wie auf Schienen, mit 6-7 Knoten, nach Guernsey. Am Turm „St. Martin Point“ auf Guernsey, bergen wir die Segel und es werden Leinen und Fender für die Hafeneinfahrt klargemacht. Zwei Kreuzfahrtschiffe liegen vorm Hafen, mehrere kleine Rettungsbote pendeln wieder hin und her, Fähren nach und von Herm bzw. Jersey fahren ein und aus. Rush Hour mit Hafenkino. Hinter der Hafenmole empfängt uns wieder ein netter junger Hafenmeister mit den Worten: „Follow me“ und so folgen wir zu einem der hinteren Wartestege. Da wir uns seit St. Malo auf der Rückreise befinden geht es auf direktem Wege nach Cherbourg. Für Ausflüge haben wir daher wenig Zeit und so besteht der Tagesablauf aus segeln, einkaufen, einklarieren, kochen, Wetter einholen und den Vorbereitungen für den nächsten Tag.

Mittwoch 4.6.2014 (St. Peter Port - Braye) Bevor es aufs Wasser geht bunkern wir den verbrauchten Diesel, der letzten Tage, an der gegenüberliegenden Tankstelle. Es bläst schon ordentlich und der Wetterbericht sagt südwestliche bis nordwestliche Winde der Stärke 4 voraus, zunehmend auf 5-6. Wir legen zur Sicherheit Ölzeug und Westen an. Der Himmel ist blau und mit halben Wind und Strom im Rücken, haben wir beste Bedingungen für eine schnelle Überfahrt nach Alderney. Als wir die Enge „Little Russel“ passiert haben, setzen wir Rollgenua und Besan und die Rauschefahrt beginnt. Über Grund erreichten wir bis zu 11 kn. Auf dem Wasser sehen wir bei diesen Bedingungen nicht viele Boote. Angekommne in Braye melden wir uns per Funk an und fangen wieder einer der gelben Bojen mit dem Haken, ein. Per Wassertaxi geht es an Land um Vorräte zu kaufen und um die Hafengebühr zu entrichten. Die Wartezeit bis zur Rückfahrt verbringen wir im „The Divers“, doch heute ist das Pub wesentlich voller als beim letzten Mal. Der Grund: Montags und Mittwochs zwischen 16:00 und 19:00 ist Happy Hour. Das Pub wir von Stunde zu Stunde voller und wir finden gerade noch ein Plätzchen. „The Divers“ ist für uns das Pub des Törns, klein, atmosphärisch, authentisch und maritim.

Morgen noch, dann erreichen wir wieder Cherbourg und das Törnende rückt näher. Erste Gedanken kreisen schon durch den Kopf über Nachfolgecrew, Schiffsübergabe, Zustand des Schiffes und Rückreise.

Donnerstag 5.6.2014 (Braye - Cherbourg) Die Nacht war an der Boje sehr unruhig, doch dafür ist der morgen nach Durchzug des Tiefdruckgebietes, sonnig und die See glatt. Mit dem Frühstück warten wir auf den Strömungswechsel, bevor wir auf unsere letzte Etappe aufbrechen. Mit südlichem Wind und 1-2 Windstärken verabschieden wir uns von Braye. Eigentlich sind die Windverhältnisse nicht gerade ideal zum Segeln, doch wir probieren es mit Rollgenua und Besan. Auf halber Strecke zum Kap de la Hague haben wir ein einsehen und es wird motort. Plötzlich und unerwartet taucht neben uns unterhalb der Wasserlinie, eine Fischerboje auf und wir sehen was für eine gewaltige Strömung am Kap herrscht. Kurz darauf sehen wir eine zweite Boje. Vor der Hafeneinfahrt Cherbourg liegt die Festungsinsel als Wellenbrecher. Hinter der Mole liegt ein über Top beflaggtes amerikanisches Kriegsschiff, 4 Flugzeuge kreisen am Himmel, alles Anzeichen für den bevorstehenden D-Day. Im Hafen angekommen können wir an alter Stelle, gegenüber dem Museum, festmachen. Den restlichen Tag verbringen wir sehr unterschiedlich, wobei jeder so langsam seine Sachen richtet.

Freitag 6.6.2014 (Cherbourg) Es ist herrlichstes Wetter, blau der Himmel und es weht eine leichte warme Priese. Cherbourg fühlt sich vollkommen anders an, als vor zwei Wochen mit Regen. Beim Blick auf den Vorhafen erkennen wir Segelschulen beim Training. 19 Optimisten und 9 Kats mit ihren Begleitbooten drehen im Vorhafen ihre Runden. Eine halbe Stunde später schleppen die Motorboote an einer langen Perlenkette aufgereiht, die Jungsegler in den Hafen. Beeindruckend! Während des Tages wird das Boot für die nächste Crew klar gemacht, d.h. Wassertanken, Deck schrubben, Schwimmwesten einsammeln, Küche/Toilette reinigen, Speisekammer/Kartenhaus aufräumen, Müll entsorgen, persönliche Sachen packen und und und. Für einen kleinen Stadtbummel ist dennoch Zeit. Geprägt durch die vergangenen Kriegsereignisse wirkt der Wiederaufbau der Stadt heute sehr nüchtern. Eine alte Innenstadt gibt es nicht und die Fußgängerzone ist mit Modegeschäften bzw. touristischen Läden, überschaubar und etwas schmucklos. Hauptgeschäft des Tiefwasserhafens sind die Fähren, der Fischfang, das Militär und die Fahrgastschiffe. Bekanntester Ozeanriese war 1912 die Titanic der White Star Line, die nach ihrem Aufenthalt in Southampton, in Cherbourg weitere Passagiere aus Europa aufnahm und ihre unglückliche Reise begann. Beim Bummel durch die Stadt kann man der Geschichte an diesem Tag, nicht aus dem Wege gehen. D-Day ist überall ob durch Flaggen oder in den Tageszeitungen oder im Fernsehen oder allgemein im Straßenbild.

Da wir die letzten zwei Wochen sehr gut bekocht wurden, ist es mittlerweile auf unseren Törns zu eine kleine Tradition geworden, am letzten Tag der Reise ein besonderes Lokal auszusuchen und Essen zu gehen. In unserem Fall war es das „Cafe de Paris“ im inneren Hafen mit den Köstlichkeiten des Meeres in Form von Fischsuppe, Fischfilets, Austern, Schnecken, Muscheln, Scampis und Krabben. Ein gelungener maritimer Abschluss für eine schöne Reise und ein weiterer Punkt auf unserer Liste.

Samstag 7.6.2014 (Cherbourg) Die Sonne scheint auch an diesem Tag und so warten wir nach dem Frühstück auf die nachfolgende Crew, die um 14:30 mit dem Bus am Steg, steht. Das Gepäck wird aus- und eingeladen, das Boot übergeben, ein Gruppenbild gemacht, kurz noch eingekauft, das Auto vollgetankt, Tipps weitergegeben und schon sind wir auf dem Weg nach Hause. Unterwegs zur Autobahn begegnen wir wieder D-Day. Etliche uniformierte Veteranen in Jeeps, Lkw´s und Motorrädern begegnen uns, die ihre Landung in der Normandie feiern. Über Carentan, Caen, Paris, Saarbrücken und Kaiserslautern geht es auf gleicher Strecke zurück nach Lorsch und Darmstadt. Es wird ca. 3 Uhr, bis wir nach und nach die Crewmitglieder zu Hause absetzen.

Resüme

Das Segelrevier haben wir zunächst nicht so schwer empfunden, wie es in der Literatur vielfach beschrieben wird. Das führen wir darauf zurück, dass wir ständig Flut und Ebbe sowie die Hochwasser und Niedrigwasser im Auge hatten, sowie mit einer sehr guten Software ausgestatte waren. Ständig einen Ort im Gezeitenrevier zu bestimmen oder zu Koppeln, entfiel dadurch. Mit Sicherheit haben auch die guten Wetter und Sichtverhältnisse dazu beigetragen, dennoch die Strömung mit beispielsweise 5 Knoten am Kap de la Hague oder das auf- und auslaufende Wasser im Hafen von St. Helier, sollte man beim Manövrieren stets beachten. Ohne Frage stellt das Revier höhere Anforderungen an die Schiffsführung, als in der Ostsee. Ein Auge sollte man stets auf die Schnellfähren mit ihren über 30 Knoten haben, sowie in Hafennähe mit regem Verkehr rechnen. Durch die Gezeiten fanden wir immer unterschiedliche Anlegemöglichkeiten vor. Das Dingi hat hier sehr gute Dienste geleistet. Das Wassertaxi tut es für ein paar Pfund auch und ist eine nette Abwechslung dennoch um Duschen oder Toiletten zu erreichen, sollte man aber etwas Zeit einplanen. Die Kommunikation mit Hafenmeister oder Schleuse fand vorwiegend mit Funk statt und in englisch. Beim Einsatz des Handys in Landnähe unbedingt die Auslandsvorwahl berücksichtigen. Bei unserer Bootsgröße ist es von Vorteil früh am Hafen zu sein, da Platz im tiefen Wasser nicht so reichlich vorhanden ist.

Der Törn war mit seinen 300 Seemeilen an sich sehr abwechslungsreich. In jedem Hafen einen Tag zu verbringen war eine gute Entscheidung für Landausflüge. Die Leute sind sehr nett, hilfsbereit und unkompliziert. Die Inseln liegen bei 25 bis 35 Seemeilen in kurzer Reichweite. Ein Tipp, wen es die Gegebenheiten zulassen, sollte die Rücktour über die die andere Seite der Insel geplant werden, dass gestaltet das Ganze noch interessanter und abwechslungsreicher. So kann eine Insel bei gleicher Strecke, von beiden Seiten betrachtet werden. Die Küstenlandschaft ist sehenswert. Je kleiner die Insel, desto weniger Tourismus begegnet man und desto uriger ist Sache, wobei wir nicht zur Hauptreisezeit unterwegs waren. Zum Essen können wir nicht viel sagen, da wir ausschließlich an Bord sehr gut bekocht wurden und die englische Küche keine Gelegenheit hatte, gegen unsere zwei Smutje anzutreten. Mit englischen Sprachkenntnissen kommt man in der Regel weiter, in den französischen Häfen ist aber die Landessprache von Vorteil und höflicher. Nervig empfanden wir die unterschiedlichen Währungen der Inseln. Beim letzten Wassertaxitransport in Braye hatten wir keine Alderney Pfünder mehr und wir überlegten schon mit zwei Bierdosen zu zahlen, doch dann haben es auch 2 Euro getan. Die Anreise mit Buswechsel ist zwar mit ca. 11 Stunden Fahrzeit sehr lang, aber durch die Gepäckmitnahme, durch den Preis aber vor allem durch die flexible Festlegung des Übergabehafens, unschlagbar. Proviant am Festland einzukaufen ist sinnvoll, da man ansonst auf den Inseln die Lebensmittel teuer einkaufen muss und der Transport mit dem Dingi umständlicher ist.

M.Veit

berichte/2014/mit_der_moby_dick_iii_einmal_um_die_kanalinseln.txt · Zuletzt geändert: 16.07.2014 06:31 Uhr von Thomas Wetterer